Helen Parkhurst und der Daltonplan


Ich durfte am 24. November gemeinsam mit zwei Studienkollegen ein Referat über Reformpädagogik halten. Mein Teil befasste sich mit dem Daltonplan (benannt nach der Stadt Dalton in Massachusetts). Ich möchte euch hier eine Kurzfassung meines Referates zeigen und den Daltonplan zur Diskussion stellen:

Helen Parkhurst wurde 1886 in der Kleinstadt Durand im US-Bundesstaat Wisconsin geboren. Ihre Kindheit und Jugend fielen in den Beginn der so genannten „Progressive Era“[1] Diese Ära war Teil der Modernisierungsprozesse, die nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865/66 bestimmend hervortraten.

Parkhursts Kindheit blieb von solchen Umwälzungsprozessen dennoch scheinbar unberührt. Owohl im jahre 1890 die Pionierszeit offiziell für beendet erklärt wurde, wuchs Parkhurst in einer jener Gemeinden auf, in welcher der Geist der Pioniere noch sehr lebendig war.

Prägend waren für Parkhurst war ihre eigene Schulzeit. Zusammengefasst kann man sagen, dass eher die Welt außerhalb von ihr als „pädagogischer Schonraum“ erlebt wurde und nicht die Schule selbst. Während das Kind hier anerkannt in Freiheit und Geborgenheit seine Aktivitäten entfalten konnte, wurd es dort mit unerträglichen Zwängen und einer „geistigen Ödnis“ konfrontiert, die es verstörten und sein Selbstvertrauen beschädigten.

Obwohl sie in der Schule eher negative Erfahrungen machen musste, soll Helen Parkhurst schon sehr früh den Wunsch gehegt haben, Lehrerin zu werden. Die Entstehung des Daltonplanes nahm ihren Anfang 1904/5 in Waterville, Wisconsin. Helen Parkhurst hatte also schon vor ihrer Begegnung mit Maria Montessori im Jahr 1913 die Grundzüge des später so genannten „Daltonplanes“ ausgearbeitet.

Der sieht so aus, dass das traditionelle Klassenzimmer in „daltonspezifischer“ Art und Weise verändert wird. Die einzelnen Tische bildeten so genannte „Fachwinkel“, in denen die Schüler selbstständig arbeiteten. Sie folgten dabei schriftlichen „Arbeitsanleitungen“, wobei die jüngeren Schüler Wochen-, die älteren Monatspläne mit 20 Arbeitseinheiten pro Fach und Monat erhielten. Diese hatten ihre jüngeren Kollegen bei der Wochenarbeit zu unterstützen und fungierten außerdem als „Aufseher“ in den einzelnen „Fachwinkeln“, wo sie darauf achten sollten, dass nur Aufgaben aus den jeweiligen „Arbeitsanleitungen“ ausgewählt wurden.

Obwohl es in Waterville noch einen Stundenplan gab, der die Schüler noch teilweise band, durften sie sich anscheinend frei bewegen und mit den anderen Partnern oder Gruppen kooperieren. „Freedom of movement“ zählte für Parkhurst zu den unverzichtbaren Bestandteilen eines neuen pädagogischen Konzepts.

Helen Parkhurst soll sich außerhalb des Schülerarbeitsraumes ein eigenes Büro eingerichtet haben, wo sie den Unterricht, bzw. die „Arbeitsanleitungen“ vorbereitete, Schülerarbeiten verbesserte, Lerngruppen unterrichtete und Einzelgespräche führte. Für die Ordnung und Disziplin im Klassenraum waren die Schülerinnen und Schüler ebenso selbst verantwortlich wie für die individuelle Ausführung ihres Arbeitspensums. „Freedom with responsibility“ ist das pädagogische Kernstück des Daltonplans.

Die Schülerinnen und Schüler wurden von Anfang an in die Gestaltung der Lehr-Lern-Organisation einbezogen. So gelang es Parkhurst, die älteren Schüler als Assistenten für ihr Projekt zu gewinnen, da die Möglichkeit, an der Gestaltung „ihrer“ Schule mitzuwirken, schließlich auch der Lernhaltung der Schüler zugute kam.

Der Daltonplan wurde von Helen Parkhurst sukzessive von 1904 bis 1919 weiter entwickelt. Das zentrale Erziehungsziel und die grundlegenden Prinizpien sehen so aus:

Wer die bestehende Schule reformieren will, muss ihre Defizite aufzeigen, diese als solche begründen, die eigenen Vorschläge plausibel entfalten und einen dringlichen Handlungsbedarf postulieren.

Eine pädagogische Theorie bedarf der Zielreflexion. Jene „Unerschrockenheit“ die Parkhurst als Erziehungsziel des Daltonplans setzt, kennzeichnet auch ihren theoretischen Umgang mit der Frage. Wenn sie als oberste pädagogische Zielnorm „the fearless human being“ angibt, dann ist dem Kontext dieser Formulierung zu entnehmen, dass dieses Ideal der „Unerschrockenheit“ und „Kompetenz“ eine Haltung der Zivilcourage und des verantwortungsbewussten Engagements meint, die wiederum in einem Selbstvertrauen begründet sind, welches aus der Erfahrung des „self-mastery“, der erfolgreichen Bewährung in vielfältigen Aufgabenbereichen, resultiert.

Parkurst nennt in ihrem Beitrag zum „24th Yearbook“ der NSSE (steht für National Society for the Study of Education, gegründet 1901 von unter anderem John Dewey, Nicholas Murray Butler, and Charles A. McMurry, aufgelöst 2008[2]) 3 Prinzipien des Daltonplans:

1.    Freedom: Mit dem Freiheitsbegriff meint Parkhurst, dass man den SchülerInnen die Möglichkeit geben muss, ohne Unterbrechungen arbeiten zu können, um so ihr Interesse am Themengebiet und ihre Konzentration zu fördern. Parkhurst definiert pädagogische Freihet als selbstgesetzte Bestimmtheit im Verhältnis zu einer Aufgabe. Als solche bedeutet sie Entscheidungsfreiheit über die Abfolge der angewiesenen Tätigkeiten, die Dauer der Bearbeitungszeit, den Lernort, die Sozialformen, die Arbeitsschwerpunkte und das Anforderungsniveau.

2.    Cooperation: Parkhurst meint damit weniger einen Zwang zur Gruppen- oder Partnerarbeit, sondern vielmehr die Beseitigung kooperationshemmender Strukturen im Schulleben. Parkhurst möchte Konkurrenzsituation des Frontalunterrichts aufheben und den Lernenden die Möglichkeit bieten, nach eigenem Bedarf zu kooperieren und zwar auch über die Grenzen der Klassengemeinschaft hinweg. Der Akzent des „community“ Begriffs liegt auf einer partnerschaftlich-kollegialen Beziehung, welche die Arbeit der je einzelnen unterstützen und den Heranwachsenden grundlegende Muster des angemessenen Sozialverhaltens vermitteln soll.

3.    Budgeting Time: Mit diesem später hinzugefügten dritten Prinzip möchte Parkhurst die pädagogische Freiheit hinsichtlich der begrenzten Gesamtlernzeit ausbalancieren und die angestrebte Erziehung zur Selbstständigkeit präzisieren. Dies will sie durch die Forderung  nach kontrollierter Arbeitsplanung und –durchführung erreichen. So werden den SchülerInnen mit den „Arbeitsanleitungen“ zwar Vorgaben gemacht, aber sie können wählen, wann und in welcher Weise sie diese erledigen wollen.

 

 

PRO UND CONTRA

Pro.

Die Daltonplanpädagogik eröffnet ein hohes Maß an Selbsterziehung, mache den Umgang mit Lernmaterialien und Nachschlagewerken selbstverständlich, bestehende Hemmschwellen werden überwunden. Der Langeweile und der mangelnden Betroffenheit (Hauptgründe für Disziplinlosigkeiten) wird entgegengewirkt. Die SchülerInnen können alles in der Schule erledigen, Hausaufgaben gibt es nicht.

Ein weiterer Vorteil ist die immense Zeitersparnis. Bessere Schüler können schneller vorrücken und das Pensum bereits vor Jahresabschluss erledigen und sofort in eine höhere Klasse kommen. Weniger begabte SchülerInnen wiederholen die Klasse nicht, sie machen einfach dort weiter, wo sie stehen geblieben sind und können dadurch später ebenfalls aufrücken.

 

Contra:

Der Daltonplan geht nach rein intellektuellen Gescihtspunkten vor und legt das Hauptaugenmerk auf die bloße Aneignung von Kenntnissen. Die daltonisierte Arbeitsweise mache einen Unterricht, der auf Interessen und Bedürfnissen gründe, unmöglich. Durch die vorgedruckten Assignments sei ein Eingehen auf aktuelle Entwicklungen nicht möglich, ferner beeinträchtige der Plan den Kontakt zwischen Lehrer und Schüler und gebe der schriftlichen Arbeit eine überdimensionierte Bedeutung.

 

In Österreich hielt der Daltonplan – angereichert durch andere reformpädagogische Konzepte – vor allem durch Helga Wittwer und Georg Neuhauser Einzug in die österreichischen berufsbildenden Schulen. So wurde schlussendlich COOL, das „Cooperative offene Lernen“, geboren.

So hat es zwar einige Zeit gedauert, aber schlussendlich fand die Grundidee des Daltonplans auch im deutschsprachigen Raum die ihr gebührende Anerkennung.

 

 


[1] Progressivismus (engl. progress = Fortschritt) bezeichnet intellektuelle Strömungen in Politik, Bildung, Sozialwesen und Kultur. Er ist vor allem mit der Geschichte der USA verknüpft, wo der Progressivismus im 19. Jahrhundert als linksliberale Antwort auf die Industrialisierung und den sozialen Wandel entstand; er wurde als Alternative zum Konservativismus und dem Sozialismus verstanden.

[2] http://nsse-chicago.org/About.asp (zuletzt eingesehen am 21.11.2008)

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich kann jetzt nicht so recht einordnen, wieso Du diesen Artikel hier gepostet hast – irgendein aktueller Bezug?

  2. Udo sagt:

    Jo, ich durfte am Montag ein Referat darüber halten. Und als angehender Lehrer finde ich das Thema vhalt interessant. 😉

  3. Naja, dann kannst Du doch auch ein paar einleitende Worte dazu sagen, damit der Leser weiß, was Sache ist?

    Und so ein hundert Jahre alter pädagogischer Ansatz ist eigentlich auch nur dann interessant, wenn man auch erfährt, was daraus geworden ist – also wie er sich weiter entwickelt hat bzw. warum er verworfen wurde.

  4. Udo sagt:

    Werde ich noch einarbeiten. 😉

  5. Udo sagt:

    Erledigt. So besser? ICh dachte mir schon, dass ich den Artikel noch etwas hinzufügen sollte.

  6. Tja: Einleitung, Hauptteil, Schluss – it’s a classic!

  7. Udo sagt:

    LOL…stimmt. 😀
    Und? Interessant zu lesen?

  8. Ja, naja, okay. Uninteressant ist es nicht, aber wie gesagt, mir fehlt der aktuelle Bezug. So ist es halt ein Stückchen random Allgemeinwissen.

  9. Udo sagt:

    Das verstehe ich. Wenn ich nicht ein Referat darüber hätte halten müssen, wäre ich wahrscheinlich auch nie auf die Idee gekommen, etwas darüber zu schreiben. Von daher wird dir mein letzter Artikel über Zensur wohl besser gefallen (z.B.) 😉

  10. Amy sagt:

    Hi, ich schreibe gerade meine Masterarbeit über den Daltonplan bzw. das Daltongymnasium Alsdorf bei Aachen.

    Zum Pro und Kontra kann ich jetzt folgendes beitragen: Die Schüler am Ofden-Gymnasium sind grundsätzlich für den PLan zu haben. Sie befürworten das freie Lernen, die Transparenz und die Möglichkeiten, mit den Lehrern zu konferieren. Kritkpunkte sind das fehlende Methodentraining, zu viel Übungsstoff in den Daltonphasen PLUS Hausaufgaben (was Parkhurst z.B. auch nicht vorsieht) und fehlende Kontrollen der Ergebnisse. So entzieht sich die gemachte Arbeit der Kontrolle der Schüler und sie fühlen sich allein gelassen.

    Dass der Plan keine Offenheit für die Schüler-Lehrer Interaktion lässt und die Assignments zu starr sind, kann ich als grundsätzliche Kritik am Plan nicht nachvollziehen. In der Literatur (ich gehe mal davon aus, dass du auch die liebe Frau Popp verwendet hast, als einzige halbwegs vollständige und verlässliche Schrift darüber, abgesehen von Monografien, die sich auf sie beziehen) wird auch erwähnt, dass die Möglichkeit besteht, ein Basisassignment zu geben, dass sich am unteren Niveau der Schüler orientiert und Zusatzassignments anzubieten für die schnelleren oder besonders interessierten Schüler.

    Wende ich diese Idee auf mich an, hätte ich in Mathe und Physik wahrscheinlich nur die Basis gemacht und meine übrige Zeit auf Sprachen und Kunst verwendet. Damit wäre ich besser gefördert worden, als es in der Tat der Fall war.
    Zudem habe ich von einem Sonderfall zu hören bekommen, dass er ohne den Daltonplan, also die freien Daltonphasen, keine Zeit gehabt hätte, mit seinem Lehrer zu diskutieren. Wäre ihm das abgegangen, hätte er wahrscheinlich sein intensives Interesse für Physik niemals entwickeln können und wäre jetzt nicht schon parallel zum Abi an der Uni eingeschrieben. Auch dass das kognitive Lernen im Vordergrund stünde, finde ich falsch verstanden. Parkhursts ideale Schule, die Dalton Schools NY, waren ja ein ganzheitlich orientiertes Projekt. Da war die gesamte Lernumgebung Teil des Plans. Zudem werden ja auch soziale und strukturelle Kompetenzen gelehrt/gelernt, Methodenkompetenzen und in dem Fokus auf künstlerische Aktivitäten und Musik den Parkhurst damals auch hatte, auch viele andere. Was fehlt denn da noch?

    Ich halte den Daltonplan für ein intelligentes, umfassendes und durchaus durchführbares Alternativmodell für die SekII. Essentiell für die Einführung wären aber: Methodentraining für die Schüler, z.B. in einer Projektwoche oder verschiedenen Projekten, intensive Schulung der Lehrer vorher. Es muss klar sein, dass nur die Moderation, nicht aber die Verantwortung abgegeben wird und wozu die Daltonphasen sein sollen. Es sollte der Plan möglichst sinnvoll umgesetzt werden und bestmöglich OHNE Hausaufgaben, vor allem am Wochenende. Wenn das nicht möglich ist, läuft etwas falsch. Kinder und Jugendliche werden momentan zu totalen Arbeitstieren verzogen und ihnen fehlt ein großer Teil Entwicklungszeit, der mit Hausaufgaben und Lernen verbracht wird wegen der Unfähigkeit unserer Schulpolitiker.

    Oder anders gesagt: Das System kotzt schon ganz schön an. Dalton wäre für mich auf jeden Fall eine schöne Alternative. Die würde ich auf mich nehmen. Aber eigentlich wäre fast jedes Alternativkonzept von Steiner über Montessori bis Bielefelder Laborschule besser in meinen Augen. Alles, was Schüler nicht mehr als „Human Capital“ sieht, die Bildungselite als einzigen Richtwert und den Rest der Schüler fallen lässt.. you get the picture. Nur am leichtesten ließe sich wahrscheinlich Dalton umsetzen.

    1. Chris Knapp sagt:

      Wie schwer wäre das in einer typischen Realschule?

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