Kreuz abhängen oder nicht?

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Das Urteil des Gerichtshofs für Menschenrechte, nachdem das Aufhängen von Kreuzen in Schulklassen die Religions- und Erziehungsfreiheit verletze, hat auch in Österreich für einiges Aufsehen gesorgt. Was ich dabei nicht verstehe, ist folgendes: Wie kann alleine das Anschauen eines Symboles diese Freiheiten denn einschränken? Ein Kreuz ist doch erstmal nur zwei im rechten Winkel aneinander befestigte Bretter. Es wird erst dadurch, was wir in diesen beiden Brettern sehen, zu „mehr“. Durch bloßes Ansehen eines Kreuzes werde ich wohl kaum zum Christen, genauso wenig, wie ich durch das Betrachten des Halbmondes zum Moslem werde, oder durch das Betrachten eines Hakenkreuzes zum….ihr wisst schon, worauf ich hinaus will, oder?

Es ist übrigens interessant zu sehen, wer genau denn nun diesem Urteil applaudiert. Es sind nämlich genau die Leute , welche Religionsfreiheit für sich und – egal ob sie es wollen oder nicht – alle anderen Menschen nur als „Freiheit von Religion“ interpretieren und die in einem nächsten Schritt am liebsten den Religionsunterricht gleich mit abschaffen wollen (dass dieser oft das einzige Fach ist, in dem die SchülerInnen – bei guten ReligionslehrerInnen –  so etwas wie soziale Werte vermittelt bekommen, übersehen sie dabei gerne) und sind in Wahrheit genauso fundamentalistisch, wie sie es den Religionen gerne vorwerfen.

Eine Einschränkung der Religions- und Erziehungsfreiheit kann ich an einem Kreuz in einer Schulklasse beim besten Willen nicht erkennen. Schließlich steht es jeder/jedem frei, daran zu glauben oder nicht (in einem guten Religionsunterricht geht es übrigens genau darum, den SchülerInnen die Möglichkeit zu geben, anhand von Wissen und nicht von Vorurteilen zu entscheiden, ob sie an Gott glauben wollen oder nicht).

8 Kommentare Add yours

  1. Mailin sagt:

    Nun ja, wenn man aber ein Hakenkreuz in der Schulklasse aufhängen würde, da gäbe es sicher Ärger, bei einem „normalen“ Kreuz (bis jetzt) nicht. Ein Symbol (Kreuz, Halbmond etc) steht ja auch immer für etwas. Als ich zB neulich in einer Gerichtsverhandlung war, hat mir ein Kreuz (in einer sehr modernen Variante) wahnsinnig viel Kraft gegeben. Obwohl es eben nur ein „Ding“ ist, es steht aber nunmal für etwas, für mehr.
    Ein Hakenkreuz steht für mich für den Mord an Juden und andere.
    Ein Kreuz steht für mich dafür, dass Gott selbst unsere Gewalt ertragen hat und uns verzeiht. Im Grunde für Vergebung.
    Darum stimme ich dir nicht zu. Es sind nicht einfach zwei Balken im rechten Winkel zueinander.
    Und das Hakenkreuz, obwohl es ursprünglich ein Sinnbild des Lebens war, steht heute für Pogrom. Und das sieht man in dem Hakenkreuz.

    1. Udo sagt:

      Guter Punkt. Natürlich ist es für uns gläubige Christen (zu denen ich mich ja auch zähle) viel mehr als das. Die Frage ist aber, ob man aufgrund dieser Erkenntnis das Kreuz nun zwnigend abhängen muss, weil andere diesen Glauben nicht teilen. Da würde meine Antwort immer noch nein lauten.

  2. Gregor sagt:

    Ich würd ja eine strenge Trennung von Staat und Religion befürworten und davon ausgehen eben auch, dass religiöse Symbole und Religionsunterricht in der Schule nichts verloren haben. Für die Vermittlung sozialer Werte sollte man eher Eltern und soziales Umfeld in die Pflicht nehmen, ansonsten gibt es ja immer noch die Option eines konfessionslosen Ethik-Unterrichts.
    Dass ein Kreuz aufzuhänge nicht gegen die Religionsfreiheit verstösst, würde ich aber auch sagen – das wäre schon eher der Fall, wenn das Aufhängen anderer religiöser Symbole verboten wäre. (Hm, wie ist das eigentlich mit Kopftüchern an österreichischen Schulen?)

    1. Udo sagt:

      Kopftücher sind bei uns erlaubt. Religionsunterricht ist allerdings der einzige Unterricht, der den Kindern sowas wie soziale Werte vermittelt. Außerdem geht es in einem – gut gemachten – Religionsunterricht vielmehr darum, dass den SchülerInnen bei dem heutigen spirituellen Überangebot genug Wissen vermittelt werden soll, damit sie ihre Entscheidung, woran sie (wenn überhaupt) denn nun glauben wollen, nicht anhand von irgendwelchen Vorurteilen treffen, sondern weil sie wirklich ein wenig Ahnung davon haben. Das halte ich schon für wichtig.

  3. Mailin sagt:

    Nun ja, Kopftücher würde ich auch nicht verbieten. Nur, wichtig ist schon, dass Symbole, die für Hass, Gewalt etc. stehen, verboten werden, wie zB auch radikale Parteien verboten werden sollten. Auch in der Zeit, in der ich noch nicht christlich war, hatte ich aber keine Probleme mit religiösen Symbolen, weil sie für mich immer schon ein Ausdruck das Friedens waren (dass das derzeit aufgrund der Terroristen auf die Probe gestellt wird, ist eine andere Frage, wie auch durch die Kreuzzüge etc).
    Wichtig ist für mich die Frage, wofür ein Symbol steht und ob das, wofür es steht, ethisch vertretbar ist. Statt abhängen wäre ich darum auch eher für danebenhängen, in gesellschaftlichen Diskurs treten.

    PS: Wenn die religiöse Erziehung abhängig von dem Elternhaus ist, dann ist ein Kind noch mehr der Anschauung der Eltern ausgeliefert. Heißt: Religiöse Erziehung ist dann Glückssache. Ich für mich bin sehr froh, durch die Schule mitgeprägt worden zu sein, weil sich meine Mutter selbst nicht in der Lage dazu fühlte.
    In einem afrikanischen Sprichwort heißt es: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Gerade weil heute mehr und mehr Menschen die Ansicht vertreten, dass Erziehung allein Sache der Eltern sei, sind sie oft maßlos überfordert. Das kann es auch nicht sein. Kinder dürfen nicht das Eigentum der Eltern sein.

  4. es mag für manche überraschend sein, dass in der aktuellen diskussion rund um das „kreuz-urteil“ sich schon viele vertreterInnen verschiedener religionsgemeinschaften für den verbleib des kreuzes in den schulklassen aussprechen. dadurch wird aber auch deutlich, dass wohl viele sprecherInnen der religionsgemeinschaften in der symbolischen proklamation einer religion durch den staat den berühmten „fuss in der tür“ sehen, wodurch es einmal möglich wird, auch andere symbole neben das kreuz zu hängen. klar: wenn einmal die kreuze aus den klassenzimmern, gerichtssälen, gemeindestuben und altersheimen verschwinden müssen, dann wäre das anbringen anderer symbole auch in sehr weite ferne gerückt.

    mehr unter
    http://bernhardjenny.wordpress.com

  5. Gregor sagt:

    Ich bleib dabei: Wieso sollte es Aufgabe der Schule sein, den Schülern soziale Werte zu vermitteln? Genauer gesagt und anders gefragt, braucht es dazu extra ein Fach, oder sorgt nicht allein schon das Miteinander im Schulalltag dafür? Neben Elternhaus, neben entfernteren Verwandten, neben Freunden, neben Medien, etc. Und vergessen wir mal nicht, dass soziale Werte auch aus anderen Fächern nicht ausgeschlossen sind – ich persönlich hab im Latein-, Philosophie- oder im Biologie-Unterricht sehr viel mehr darüber gelernt als im Religionsunterricht. Die Rechnung „Kein Religionsunterricht = keine Vermittlung sozialer Werte in der Schule mehr“ geht für mich also nicht auf. Und dass ohne Religionsunterricht die Kindern nur noch ihren Eltern „ausgeliefert“ wären, ist Unsinn.
    Übrigens, von was für einer Art Religionsunterricht reden wir hier eigentlich? Von einem Unterricht aus einer neutralen Sparte heraus, der alle Religionen gleichmässig behandelt? Oder von einem Religionsunterricht, wie ich ihn erlebt habe, in dem zwar auch andere Religionen behandelt wurden, das Augenmerk allerdings auf dem (nicht hinterfragten) Christentum und auf die Vorbereitung zu Erstkommunion, Firmung, etc. lag; der von Angehörigen der örtlichen christlichen Kirche geführt wurde? (Glückssache übrigens auch dort, wer vor die Schüler gestellt wird.)
    Wieso ist es überhaupt nötig, soziale Werte aus einer religiösen Perspektive heraus zu behandeln? Wie gesagt, ich wäre da, wenn schon, eher für einen Ethikunterricht, der Handeln, soziale Werte an sich, ohne Religion als Ausgangspunkt, zum Thema hat (wobei die Thematisierung von Religion wiederum auch nicht fehlen darf).

    Um mal zurück zum Thema zu kommen: Es ist wohl auch ein Unterschied, ob jemand ein Kopftuch oder ein Kreuz an einer Kette trägt (individuelle Entscheidung, sollte erlaubt sein – wobei Extremfälle wie die Burka oder, zum Beispiel, eine Mönchskutte nun wieder was anderes sind), oder ob in einem Schulzimmer „offiziell“ ein Kreuz an die Wand gehängt wird. Da bin ich wieder bei der Trennung von Kirche und Staat, also weg mit dem Ding.

    1. Udo sagt:

      Werde am Montag ausführlich antworten.😉

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