Kann man vom Tröten eigentlich einen Hirnschaden davontragen?


Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich diesen Artikel auf laut.de gelesen hatte. Ich schreibe hier gleich mal eine Antwort darauf.

Selbst das einheimische Feuilleton doziert kulturchauvinistisch, die Vuvuzela sei ja gar kein traditionelles afrikanisches Musikinstrument, sondern nur ein relativ neumodischer Marketinggag. Der Neger durchschaut das halt nur nicht und feiert mit dem billigem China-Import.

Ist doch immer wieder schön, wenn man sein Gegenüber indirekt als Rassisten diffamieren kann, oder?

Hiesige Fangesänge werden plötzlich als ungeheuer vielfältig glorifiziert, obwohl in den meisten Bundesligastadien doch eine deprimierende Uniformität megaphongetriebener Liedchen vorherrscht und gerade Länderspiele kaum mehr als „Schland-“ und „Sieg-“ Gegröle hervorbringen.

Dass dieses „Gegröle“ immer noch um einiges vielsetiger ist, als ein einheitliches TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT lässt die Verfasserin/der Verfasser dabei gerne unter den Tisch fallen (schließlich bestehen diese Gesänge meist doch aus mehr als nur EINEM TON).

Doch egal, die „Uweseelers“ nerven. Viel lieber sähe (bzw. hörte) manch kulturbeflissener Bildungsbürger sein Hippie-Klischee vom trommelnden Afrikaner bestätigt.

1. Der Witz mit den „Uweseelers“ ist in etwa so lustig wie ein Atomkrieg, versteht ihr?

2. Die Behauptung, dass jeder, der gegen diese Arschtrompeten ist, automatisch nur seine Rassismen ausleben, ist genauso pauschalisierend, vorurteilsbehaftet und schlichtweg falsch, wie der von laut.de unterstellte Rassismus. Hier will keiner seine Vorurteile bestätigt sehen. Wir wollen nur keinen Tinnitus davontragen, nur weil wir uns die Spiele unserer Lieblingsmannschaft gerne mit Ton anschauen.

Aber die Vuvuzela ist nicht Hippie sondern Punkrock.

Den Satz musste ich echt dreimal lesen. Haben die gerade auf einer Musikwebsite Bands wie Die Toten Hosen, die Ärzte, die Sex Pistols, Vice Squad, The Ramones, The Clash, Die goldenen Zitronen, etc…mit einer Plastiktröte verglichen?? Bite sagt mir, dass ich das nur geträumt habe.

Das demokratische, weil spotbillige Plastikinstrument erfordert keine Virtuosität, keine Musikschule. Selbst Berufstrompeter vermögen ihm kaum mehr als zwei Tonlagen zu entlocken.

Aha, billig heißt als demokratisch? Klar doch. Wenn ich also ne Frau eine „billige Schlampe“ nenne, dann will ich damit wohl sagen, dass sie Demokratin ist, oder was. Dass ein Autor/eine Autorin auf einer (ja, ich wiederhole mich) Musikwebsite ein Instrument gut findet, mit dem nicht einmal Profis etwas anfangen können, gibt dem Wort „Armutszeugnis“ übrigens eine völlig neue Bedeutung, also…..

Nur: wer sich auf den WM-Tribünen umsieht, wird erkennen, dass man auch zu repetitivem Tröööt und Möööp tadellos tanzen kann. Wenn man tanzen kann.

…wundert es einen auch nicht mehr, dass er oder sie zu dem Getute auch noch tanzen könnte.

So offenbart sich einmal mehr der hierzulande herrschende Spießbürger-Kanon: „Feiern ist ja ok, aber bitte nichsolaut.“ Wenn fremde Kulturen Party machen, wird das grundsätzlich als Lärm empfunden. Egal ob Hip Hop oder Metal oder Vuvuzela – alles Krach.

Hip Hop und Metal……..wisst ihr was lest euch meine Antwort auf den Punkrock-Sager nochmal durch und setzt in Gedanken ein paar Hip Hop Künstler und Metalbands statt den Punkrockern ein. Dann wisst ihr ja, was ich hiervon halte.  

Und so sieht man sich in der misslichen Lage, ausgerechnet dem stets kritikwürdigen FIFA-Chef Sepp Blatter einmal dankbar sein zu müssen. Er hatte bereits im Vorfeld ein Verbot der Vuvuzelas kategorisch ausgeschlossen. Die Welt müsse eben mit den Gepflogenheiten der Gastgeber klar kommen: „Afrika ist laut“. Wir von laut.de wissen das zu schätzen.

Ach ja. Sowas wie „Afrika ist laut“ ist also keine Verallgemeinerung und kein Vorurteil? Na ist doch gut zu wissen, dass ihr das Pauschalisieren und Alles-in-eine-Schublade-stecken genauso draufhabt wie die Leute, die ihr angeblich kritisieren wollt. Ein schöneres Eigentor hättet ihr euch gar nicht schießen können.

Zum Abschluss: Mir fehlen echt die Worte. Angereichert mit ein paar altlinken Paradefloskeln und einer unglaublichen Ignoranz was die Argumente der Gegenseite betrifft, beweist laut.de mit jeder Zeile, dass man offenbar keine Ahnung von Musik haben muss, um für eine Musikwebsite zu schreiben. Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie man auf so einer Seite ein Instrument, von dem man sogar noch zugibt, dass da kein anständiger Ton rauskommt, mit richtiger Musik auf eine Stufe stellen kann, ohne dafür von den Verantwortlichen mit lebenslangem Schreibverbot belegt zu werden. Da hat ja jeder Schimpanse im Zoo mehr Ahnung von der Materie, verdammt noch einmal!

Natürlich ist nicht jeder, der die Vuvuzelas verabscheut automatisch ein Rassist. Es mag unter den Kritikern durchaus einige geben, die sich als Europäer für überlegen halten, das stimmt. Aber die hier von laut.de beschworene Gleichung „Vuvuzelahasser=Rassistenschwein & Spießbürger“ ist genauso bescheuert wie eben jenes Überlegenheitsgefühl.

(Via)

 

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