Lehramtsstudenten in Aktion


Mal ehrlich. Wenn ich als Lehramtsstudent manchmal in den Vorlesungen und Seminaren sitze, dabei miene lieben Studienkollegen beobachte, dann frage ich mich ernsthaft, ob es nicht besser wäre, sowas wie ein psychologisches Gutachten als Aufnahmekriterium an der Uni für zukünftige Lehrer einzuführen.

Letztes Semester hatte ich mal wieder so einen Patienten in einem meiner Seminare. Ein Magister, der (schätzungsweise) 35 bis 40 Jahre alt war, von seinem Erststudium (Orgelmusik, haben mir ein paar Kollegen erzählt) nicht wirklich leben konnte und nun eben den Lehrberuf ergreifen wollte (immer wieder schön, wenn das Lehrersein als zweite oder dritte Wahl betrachtet wird, obwohl das natürlich passieren kann, ich weiß). Jedenfalls war das einer der Typen, der bei jedem Menschen, mit dem er länger als fünf Minuten redet, immer die gleichen Emotionen auslöst: Entweder will man so schnell es geht die Flucht ergreifen, oder – wenn alle Fluchtwege versperrt sind – sich blindlings um sich schlagend den Weg freiboxen. Bei mir hatte der Typ Glück. Entweder hat er nicht mit mir geredet, oder mir – bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er mich angesprochen hat –  klugerweise nicht die Ausgangstür blockiert. Allerdings war ich nicht der einzige, der dem werten Kollegen am liebsten das Licht ausgeblasen hätte. Sein Lieblingsopfer war nämlich der Seminarleiter, den er ständig verbessert hat. Ist doch klar, dass man mit einem abgeschlossenen Orgelmusikstudium bei einem Seminar, dessen Hauptthemen Unterrichtsplanung und Pädagogik sind, große Reden schwingen kann, oder? Ach, ihr seht das anders? Ich komischerweise auch.

Die Krönung war aber das Referat dieses Herrn. Kurze Erklärung: Wir bekamen alle etwas längere Texte, die wir in fünf Minuten zusammenfassen sollten. Was macht unser Patient? Liesst 20 Minuten einfach den Originaltext vor und wundert sich hinterher, dass er keinen tosenden Applaus für seine „Eigenleistung“ bekommt. Das Ergebnis war dann, dass er mit dem Leiter in Streit geriet, was die Qualität „seines“ Referates anging und wutschnaubend das Seminar verließ, nachdem er – sich wohl von den anderen sowas wie Schützenhilfe erwartend – genau diese eher nicht bekommen hatte. Schließlich ist Sturheit und das Nichteinsehen eigener Fehler und Unzulänglichkeiten genau das, was einen guten Lehrer ausmacht, oder? Der Typ wird bestimmt ein Aushängeschild unserer Zunft.

Ganz besonders lustig sind diejenigen unter den Studenten, die so abgehoben daherkommen, dass das Adjektiv „weltfremd“ gar nicht anfängt den Zustand zu beschreiben, in welchem sie sich befinden. Diese glauben höchstwahrscheinlich, dass sie selbst auch nur bei einer unbefleckten Empfängnis gezeugt worden sein können (Stichwort: Heiliger als Jesus). Da fragt man sich mit der Zeit schon einmal ob die eventuell von einem anderen Planeten kommen, wenn man hört, dass Gott nur durch getaufte Menschen wirken kann (das wird Moses aber freuen) und Harry Potter prinzipiell des Teufels ist. Wie solche Leute jemals eine funktionierende Verbindung zu ihren Schülern aufbauen sollen, ist mir schleierhaft.

Versteht mich nicht falsch: 80 bis 90% aller Lehramtsstudierenden haben sich diesen Weg erst nach reiflicher Überlegung ausgesucht und werden in der Zukunft sicher zu sehr guten Lehrenden. Ich finde es aber dennoch alarmierend, dass 10 bis 20% aller Kandidaten schon beim ersten Hinsehen als für den Lehrberuf untauglich durchfallen.

2 Kommentare Add yours

  1. Poes_Rabe sagt:

    „Wir bekamen alle etwas längere Texte, die wir in fünf Minuten zusammenfassen sollten. Was macht unser Patient? Liesst 20 Minuten einfach den Originaltext vor“

    Zeit für mein Gunkl-Zitat:
    „Ich würd’s mich schon trauen, aber es FIELE MIR NICHT EIN!!!“

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